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Mittwoch, 10.03.2010



Herzinfarkt

Herzinfarkt? Ich doch nicht...

An einem Sonntagmorgen im September 2002 wache ich gegen 8 Uhr auf. Mir ist übel, kalter Schweiß bricht mir aus. Es geht mir nicht gut. Verdammter Mist, denke ich, aber im Grunde beunruhigt es mich zunächst nicht.

Symptome

Hinter dem Brustbein baut sich ein Druckgefühl auf. Innerhalb weniger Minuten wird aus dem Druck ein deutlicher Schmerz. Er strahlt in den linken Arm aus. Mir ist unverändert schlecht, und ich bin kaltschweißig. So langsam kommt mit der Verdacht: Es ist das Herz… Nur ein Angina-pectoris-Anfall? So heftig? Ich hatte noch nie Herzbeschwerden, nicht mal ansatzweise. Meine Mutter, die nebenan wohnt, ist besorgt, bringt mir diverse Herztropfen. Beim Gedanken daran, solche Tropfen zu schlucken, dreht sich fast mein Magen um.

Ich kann’s nicht länger ignorieren und sprühe Nitro. Widerlich! Zum Glück muß ich nicht erbrechen. Der Druck hinterm Brustbein wird mehr. Noch zwei Hübe Nitro. Es hilft alles nix – da steckt „ein dickes Schweinderl“ dahinter, konstatiere ich ganz unpersönlich.
Dem Notarzt erkläre ich am Telefon knapp, was Sache ist. Er nimmt es ernst und kündigt sofortige Hilfe an.

Mein Partner schläft noch, unschuldig und ahnungslos. Ich wecke ihn und erkläre kurz, dass der Notarzt unterwegs ist und ich offenbar was Akutes am Herzen habe. Es tut mir leid, dass ich ihn so überfahren muß. Er hat keine Chance, sich irgendwie auf das Geschehen einzustellen. Ich auch nicht, aber zu diesem Zeitpunkt agiere ich relativ mechanisch. Meine Mutter ist ruhig und zuverlässig. Sie ahnt vielleicht noch gar nicht, was sich da anbahnt. Aber sie „funktioniert“.

Doch ein Herzinfarkt..

Die Sanis und der Notarzt arbeiten konzentriert und professionell. Hinterwandinfarkt. Ein Blick auf das EKG bestätigt es mir. Bisher kannte ich sogenannte ST-Strecken-Hebungen beim EKG nur aus Fachbüchern. Ich überlaß mich einfach diesen Leuten. Der Arzt legt eine Verweilkanüle in den Handrücken. Valium und Morphin breiten einen Schleier über alles. So nehme ich das Geschehen einfach hin, völlig passiv und unbeteiligt. Und ich friere ganz furchtbar, zittere, dass meine Zähne klappern.
Irgendwie werde ich rausgetragen, auf der Pritsche verschnallt und in den Krankenwagen geladen. Alles ist so unwirklich. Ich sehe Gesichter über mir: Mein Partner: fassungslos und ungläubig. Meine Mutter: tapfer und geschockt. Mein Ältester (wie kommt der hierher?) unsicher, aber Optimismus verbreitend. Das Martinshorn auf dem Weg zur Klinik dringt kaum zu mir durch. Die Sanis sind sehr nett und freundlich, der Arzt ist distanziert und knapp. Den Katheterraum in der Klinik empfinde ich als saukalt. Wegen der Geräte müsse das so sein, erklärt man mir. Das Sprechen macht Mühe, der Druckschmerz ist besser, aber noch da. Nach der Kontrastmittelgabe muß ich erbrechen, es ist mir gleichgültig.
Der Klinikarzt gibt sich viel Mühe, mir zu erklären, was sich in den Koronarien abgespielt hat. Ein korkenzieherartiges Herzkranzgefäß, klein, aber lang, ist verschlossen. Das Gefäß ist zu klein für eine Dilatation. Man wolle abwarten. Die Intensivstation. Rundum piept und summt es, das Bett gleicht einer Festung aus Infusionsflaschen und Überwachungsgeräten. Ich dämmere vor mich hin.

Tage später lese ich in meinem Krankenblatt, dass ich an diesem Tag 25 mg Diazepam bekommen habe. Das reicht aus, um ein Pferd ruhigzustellen.
Der Druckschmerz verschwindet nach und nach. Die Laborwerte entwickeln sich zufriedenstellend. Ich weiß, dass ich noch nicht über den Berg bin. Wenn ich jetzt sterben müßte – in Ordnung, ich würde kampflos gehen. Ohne Angst, denn ich habe bisher ein intensives, erfülltes Leben gelebt, mit vielen Höhen und Tiefen. Nicht dass ich sterben wollte, ganz und gar nicht. Aber wenn es vorbei sein soll, dann wäre es okay. Doch ich lebe. Meine Kinder, meine Mutter, mein Partner, sie sind bei mir, so oft es geht und man sie zu mir lässt. Sie sind voller Sorge und Angst und verbreiten tapfer Optimismus.

Es ist unbequem in diesem Bett, da ich noch eine „Schleuse“ in der Leistenarterie habe für den Fall, dass eine weitere Katheteruntersuchung erforderlich wird. Und solange diese Schleuse im Gefäß steckt, muß ich ganz flach liegen – eine ungewohnte Stellung, selbst wenn man vollgepumpt ist mit Beruhigungsmitteln. Drei Tage später auf der Normalstation holt mich das normale Leben langsam wieder ein. Es ist neu und steht in einem ganz anderen Licht. Meinen Körper nehme ich anders wahr, verletzlich und malträtiert, aber sehr lebendig. Mein Herz meldet sich oft mit Stichen, Druckschmerzen, Engegefühl – immer wieder, als wolle es mich erinnern, es bewusster wahrzunehmen. Mein Herz als Sitz der Gefühle zwingt mich auch zur Auseinandersetzung mit diesem lebensbedrohlichen Geschehen namens Infarkt. Wieso überhaupt? Ich bin 54, habe den schönsten Beruf der Welt: Heilpraktikerin in einer gutgehenden eigenen Praxis, unterrichte nebenbei zwei- bis dreimal im Monat an einer Heilpraktiker-Schule und halte ein paarmal im Jahr Seminare und Vorträge, eine schöne Abwechslung zum Praxisalltag. Der Umgang innerhalb der Familie ist liebevoll, ich habe ein schönes Zuhause, freizeitfüllende Hobbys – ich liebe mein Leben und bin zufrieden im wörtlichen Sinn: ein lebensfroher Single und seit ein paar Wochen liiert. Es gibt keinerlei Risikofaktoren: Idealgewicht (56 kg bei 1,65 m), einigermaßen sportlich, Nichtraucher, selten-und-wenig-Trinker, Cholesterinwerte im Normbereich. Nie zuvor hatte ich Herzbeschwerden. Wieso kriege (ausgerechnet ich!) einen Infarkt? Ich hadere mit meinem Schicksal und fühle mich als Opfer. Was hat den Infarkt ausgelöst? Die Menschen in meiner Umgebung sind schnell bei der Hand mit Erklärungen: Natürlich hast Du viel zuviel Streß, zu wenig Zeit für Dich, zuviel um die Ohren, Du mutest Dir zuviel zu, und so weiter. Sorry, Ihr lieben Mitmenschen, die Ihr alle so sicher seid in Eurem Urteil. Ich weiß zwar (noch) nicht genau, warum es passierte. Aber ich weiß genau, dass es mit all den Gründen, die Ihr aufführt, wenig zu tun hat. Irgendwas hat mir das Herz fast zerrissen. Und das sind ganz private Dinge, die ich auch hier nicht ausbreiten möchte. Nur soviel: Es hat viel mit der Angst zu tun, den von mir geliebten Menschen nicht gleichzeitig gerecht werden zu können. Ich hoffe, in der Reha darüber Klarheit zu kriegen und einen Weg zu finden, aus diesem Konflikt herauszukommen und ihn aufzulösen zu können.

Herzinfarkt - Reha

Gut zwei Wochen nach dem Tag X komme ich nach Bad Schwalbach in eine Reha-Klinik. Der Empfang ist ausgesprochen freundlich, ein sehr schönes Einzelzimmer ist nun für einige Zeit mein Zuhause. Die behandelnden Ärzte: durchweg freundlich, geduldig, engagiert und kompetent. Die medizinische Betreuung: intensiv und gründlich. Die Verpflegung: konsequent cholesterinarm, abwechslungsreich und meist lecker. Das Ambiente des Hauses: angenehm, gepflegt, wie ein gutgeführtes Hotel. Mein Behandlungsplan gleicht oft einem Marathon: Ergometer-Training, Massage, Rotlicht, Kneipp’sches Wassertreten, Herzsport, Schwimmen, Walking, autogenes Training, psychologische Beratungsgespräche, Gruppentherapie sowie Vorträge über Lebensführung und Ernährung bestimmten den Tagesablauf. Die Zeit in der Reha macht mich körperlich fitter und stabiler, die Herzschmerzen und der Druck verlieren sich mehr und mehr und sind in der dritten Reha-Woche völlig verschwunden, egal wie stark ich mich belaste. Die (wenigen) psychologischen Beratungsgespräche sind nicht sehr hilfreich: Zu viele gutgemeinte Ratschläge, Tipps und fragwürdige Ansätze („Warum trennen Sie sich nicht…?“), zu viele Allgemeinplätze („Sie müssen Streß abbauen!“). Wahrscheinlich kann selbst der beste Therapeut in drei Wochen allenfalls Denkanstöße geben, aber keine Wunder vollbringen. Ich habe in diesen drei Wochen – trotz Behandlungsmarathon – genügend Zeit zum Nachdenken und Reflektieren. Dieses „Zeithaben für mich“ empfinde ich keineswegs immer als Geschenk, sondern oft fast als Bedrohung. Ich muß erst lernen, diese Zeit zu nutzen – nicht mit Lesen, Fernsehen oder Spazierengehen, sondern auch mal einfach nur mit Stillsitzen und In-mich-hineinhorchen. Meist überfallen mich dann sofort ganze Heerscharen ruheloser, chaotischer Gedanken, das Kopfkino spult unerledigte, ungeklärte Szenen meines Lebens ab. Das ist beängstigend, bis ich anfange, mich ganz mutig damit auseinanderzusetzen. Schau Deine Angst an, und sie wird überflüssig – diesen Satz habe ich meinen Patienten schon so oft gesagt. Nun gilt er „plötzlich“ auch für mich. Allmählich überwinde ich die Ich-bin-ein-armes-Opfer-Haltung und gewinne wieder Vertrauen in die Leistungsfähigkeit meines Herzens. Ich lerne in der Klinik auch Menschen kennen, denen es wirklich schlecht geht: Brustamputierte Frauen, Menschen mit tiefen Depressionen, Patienten nach Bypass-Operationen und furchtbaren Narben im Brustkorb, und natürlich Herzinfarkt-Patienten wie ich. Es gibt hoffnungslose Gesichter ohne jegliche Lebensfreude, es gibt die Kämpfernaturen, es gibt die Gleichgültigen. Und es gibt die Optimisten, in deren Gegenwart ich mich wohlfühle und deren Lebensbejahung ansteckend wirkt. Auch in dieser Hinsicht sind die drei Wochen Reha eine gute Lernaufgabe für mich.

Herzinfarkt - die Zeit danach...

Als ich meine Arbeit in der Praxis wieder aufnehmen kann, bin ich glücklich. Und sehr dankbar. Dankbar, dass es „die Schulmedizin“ gibt, deren Maßnahmen ich wahrscheinlich mein Leben verdanke. Dankbar, dass meine Familie mich so liebevoll begleitete. Dankbar, dass meine zwei tüchtigen Assistentinnen Elke von Papen und Elke Mauer sowie meine Mutter den Praxisbetrieb aufrecht erhielten. Dankbar, dass so viele Freunde, Bekannte und auch Patienten Anteil nahmen, mich besuchten, anriefen und mir Briefe und kleine Geschenke schickten.

Natürlich habe ich auch praktische Konsequenzen gezogen, indem ich z.B. meine ehrenamtlichen Tätigkeiten deutlich reduzierte oder ganz aufgab. Ich teile mir meine Kräfte besser ein, z.B. indem ich mir zumindest an einem Tag am Wochenende GAR NICHTS vornehme. Ich erlaube mir (mit großem Behagen), mich mittags eine Stunde hinzulegen.
Und ich habe meinen Bekanntenkreis deutlich verkleinert – die Anteilnahme, die ich durch den Infarkt erfuhr, trennte sehr gut die Spreu vom Weizen.

Mein Verhältnis zu den Menschen, die mir nahe stehen, ist inniger geworden. Ich gehe auch mit meinem Herzen sorgsamer um, unterstütze es mit Weißdorntabletten und (ungern) mit täglich 50 mg ASS, ernähre mich vernünftig, gehe bei Wind und Wetter mit dem Hund Gassi, fahre Fahrrad und treibe Herzsport inmitten einer (sehr netten) Seniorengruppe.
Vielleicht am wichtigsten: Ich rege mich weniger auf als früher, bin viel gelassener geworden. Das alles tut mir gut.

Es hätte auch anders kommen können, das ist mir bewusst. Nach einem solch traumatischen Ereignis ist nichts mehr so, wie es einmal war. In meinem Hinterkopf ist das Wissen, „noch einmal davongekommen zu sein“, latent gegenwärtig. Es sensibilisiert mich, bewusster zu leben und dieses Leben nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Jeder neue Tag ist ein Geschenk. Und so gesehen, bin ich für diese Erfahrung dankbar.


Autorin

Herzinfarkt - erlebt von Monika Weber, Heilpraktikerin in 65779 Kelkheim im Taunus