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Donnerstag, 11.03.2010



Das Okinawa-Wunder

Ein Besuch bei den glücklichsten Alten der Welt - von Ulla Rahn-Huber

In unserer westlichen Gesellschaft ist den meisten von uns zwar in materieller Hinsicht vieles gegeben, aber steinalt zu werden und dabei gesund und schlank, körperlich und geistig fit zu bleiben? Das hört sich wie ein Wunschtraum an!

Dass das nicht so sein muss, beweist das Wunder von Okinawa: Auf der zu Japan gehörenden Inselgruppe im Südpazifik leben die meisten Hundertjährigen der Erde. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt mit 86 Jahren für Frauen und 78 Jahren für Männer nicht nur höher als in Japan (wo die Menschen ohnehin schon älter werden als bei uns), sondern auch weit über dem, was irgendwo sonst auf der Welt üblich ist.

Nach umfangreichen Recherchen zum Thema Langlebigkeit und erfolgreiches Altern bin ich - neugierig gemacht durch die frappierenden Ergebnisse einer Langzeitstudie, die Okinawas Senioren seit zwanzig Jahre lang begleitet - im Herbst 2009 selbst auf den Archipel gereist. Ich wollte sehen, ob wirklich etwas dran ist an diesem Shangri-la oder ob es sich bloß um eine medienwirksam aufgebauschte aber weitgehend aus der Luft gegriffene Sensationsmeldung handelte. Was ich gesehen habe, hat mich überzeugt. Doch der Reihe nach …

Ja, es gibt sie wirklich, die Superalten: Die älteste Einwohnerin des Dorfs Ogimi ist 106 Jahre alt. Mit neunzig gilt man unter den Alten Okinawas beinahe noch als jung. Nun gibt es durchaus auch hierzulande Menschen, die ihren achtzigsten, neunzigsten, hundertsten Geburtstag feiern. Aber viele von ihnen sind nicht rüstig, sondern - wie es in der Fachsprache der Mediziner heißt - "multimorbid": Ihr Leben ist von den verschiedensten Krankheiten geprägt.

Alt werden ist eines, aber dabei putzmunter und fidel bleiben? In Okinawa ist das die Regel und nicht die Ausnahme. Krankheiten wie Diabetes sind in dem Archipel so gut wie unbekannt. Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs ebenso. Was ist das Geheimnis, das den Körper so gesund hält?

Die Gene, könnte man meinen. Doch diese These ist schnell wiederlegt. Zum einen haben Wissenschaftler in der DNA der Bewohner vergeblich nach dem Geheimnis der Langlebigkeit gesucht. Und zum anderen? Seit dem Zweiten Weltkrieg nutzen die USA den Archipel als Militärstützpunkt und mit den Soldaten kamen Hamburger, Pommes u. Co. ins Land. Ergebnis: In den Städten Okinawas, wo das Leben modern und vom amerikanischen Einfluss geprägt ist, sind die Zwanzig- bis Sechzigjährigen heute dicker als im Rest Japans. An den Genen kann es also nicht liegen. Die Lebens- und Ernährungsweise sind entscheidend für Gesundheit und hohes Alter.

Wirklich ein Wunder? - Shangri-la und andere Legenden

Immer wieder wurde in der Vergangenheit von anderen "Inseln der Seligen" berichtet, in denen die Menschen älter werden als andernorts. Wer erinnert sich nicht an die Fotos von zerfurchten und doch zufriedenen Gesichtern, die auf den Werbeplakaten von Knoblauchpillen-Herstellern oder Joghurt-Fabrikanten prangten. Ob in Bulgarien oder den ehemaligen GUS-Staaten, ob in den ecuadorianischen Anden oder in Pakistan - in bestimmten Gegenden der Erde werden offenbar öfter als anderswo hundertste Geburtstage gefeiert. Ist Okinawa nicht mehr als ein Ort unter vielen? Ist Okinawa wirklich ein Wunder?

Schauen wir einmal näher hin. Wie war das mit den Hunzukuc, einem Naturvolk in Pakistan, das seiner fleischarmen Ernährung, einem besonders mineralstoffhaltigen Trinkwasser, einer Art Vollkornbrot und besonderen „Himalayasalzen“ angeblich eine außerordentliche Langlebigkeit und Gesundheit verdankte? Diverse Quellen sprachen diesen Menschen eine Lebenserwartung von bis zu 130, manchmal gar bis 145 Jahren zu. Sie würden so gut wie niemals Krank und blieben bis ins hohe Alter überaus agil, so dass Männer noch jenseits der 100 Jahre Kinder zeugen und ihre Felder bestellen könnten. Die Kunde von diesem sagenumwobenen Ort "Shangri-la" drang 1947 durch das Buch des Amerikaners Jerome Irving Cohen ("The Healthy Hunza") in den Westen vor. Die wissenschaftliche Beweisführung erwies sich jedoch aufgrund mangelnder stichhaltiger Daten als unmöglich. Es gab weder Geburtsurkunden, noch Krankendaten, noch Ergebnisse von Volkszählungen - schon allein deshalb, weil die Hunzukuc keine Schriftsprache kannten. So war man auf die Schätzungen der Alten selbst angewiesen, die Daten wie den Einmarsch der Briten als Erinnerungsstütze nutzten. Oder sie fragten den Mir, den König. Denn der hatte die Geburtstage all seiner Untertanen im Kopf …

Ähnlich verhielt es sich mit dem Mythos der Langlebigkeit in Georgien, Aserbaidschan und Armenien. Hier sollten angeblich 50 Hundertjährige auf 100.000 Einwohner kommen sollten. Der National Geographic begleitete 1973 einen Trupp Wissenschaftler dorthin, um dem Geheimnis der Langlebigkeit auf die Spur zu kommen. Das Problem: Auch hier fehlten Geburtsurkunden und ein zentrales Geburtenregister. Und die kirchlichen Archive, die unter Umständen hätten Auskunft über das wahre Alter der "Hundertjährigen" geben können, waren in den frühen Tagen des Sowjetregimes niedergebrannt worden. So musste man sich auf das Gedächtnis der Betroffenen selbst verlassen, die ihr Alter anhand von biographischen Daten wie Eheschließungen oder prägnanten Ereignissen zu rekonstruieren versuchten. Sie waren alt. Das schon. Aber waren sie so alt? Böse Zungen munkeln, in den Berichten habe mehr als ein Quäntchen Sowjetpropaganda mitgespielt.

Auch die Legende des "heiligen Tals der Hundertjährigen" im ecuadorianischen Vilcabamba löste sich in Luft auf: Es hieß, 9 von 819 Bewohnern des Andendorfes hätten diesen runden Geburtstag gefeiert, was einer sagenhaften Quote von 1.100 auf 100.000 entsprechen würde. Man beachte den Konjunktiv. Denn als die Forscher ins Dorf kamen, begegneten sie zwar vielen Alten, weil die Jungen wegen der hohen Arbeitslosigkeit in die Städte abgewandert waren. Aber hundert war kein einziger der Bewohner.
Und nun kommen wir nach Okinawa. Seitdem das alte Königreich japanisch ist - also seit 1879 -, herrscht hier eine mit der deutschen vergleichbare Gründlichkeit. In jedem kleinen Dorf gibt es ein zuverlässiges Familienregister, das so genannte "Koseki". Und nirgends wurde das Phänomen der Langlebigkeit so umfangreich erkundet wie hier: Über einen Zeitraum von 25 Jahren ging Maktoto Suzuki, einem Wissenschaftler der Universität von Okinawa, mit seinem Forschungsteam der Lebensweise der alten Menschen auf den Grund und gab dazu jüngst die "Okinawan Centenary Study" heraus. Dass die Menschen auf Okinawa älter werden als anderswo, ist also kein Mythos, sondern Tatsache. Über 400 Hundertjährige leben hier unter 1,3 Millionen Einwohnern. Das sind 34 pro 100.000.

Zum Vergleich: Nach Schätzungen des Max-Planck-Instituts für demographische Forschung in Rostock leben in Deutschland etwa 6.000 Menschen über diesem Alter (die genaue Zahl ist schwer zu ermitteln, weil das Statistische Bundesamt bei 95 Lebensjahren zu zählen aufhört). Bei einer Einwohnerzahl von 82.5 Millionen kämen wir hierzulande auf eine Quote von 7 pro 100.000.

Auf Okinawa-Art - Alt werden - so oder so?

Das eigentliche Wunder an den Alten von Okinawa ist nicht das Alter selbst. Auch bei uns werden Menschen alt. Sie werden immer älter. Und das, obwohl manche gar nicht so alt werden möchten.

Alt werden nach Okinawa-Art:
fit, gesund, fröhlich, immer was zu tun ,hellwach im Kopf, nie allein, hoch respektiert

Alt werden bei uns:
"multimorbid"?, einsam?, isoliert?, apathisch?, hilflos?, aufs Abstellgleis geschoben?, warten (hoffen) auf den Tod?

Das eigentlich Erstaunliche am Phänomen der Langlebigkeit auf Okinawa ist, das die Alten - wenn ihre Zeit gekommen ist - gesund sterben. Natürlich werden sie auch gelegentlich krank: Erkältungen, Fieber …
Aber Krankheiten wie Diabetes sind in dem Archipel ebenso unbekannt wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Während laut WHO-Informationen weltweit mehr als 22 Millionen Menschen mit Krebs leben und jährlich mehr als 10 Millionen Menschen neu an Krebs erkranken, kennt auf Okinawa kaum jemand einen, der einen bösartigen Tumor entwickelt hätte. Auf Vorsorgeuntersuchungen zur Brustkrebs- oder Prostata-Prophylaxe wird nicht aus Gründen der Sparsamkeit verzichtet, sondern aus mangelnder Notwendigkeit.

Die Langlebigen von Okinawa machen vor, was wir uns alle wünschen:

Alt werden, ja! Aber nur, wenn wir gesund sind.
Wenn wir unabhängig und selbstbestimmt leben können.
Wenn das Leben Sinn hat. Wenn es uns Spaß macht!


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