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Freitag, 30.07.2010




Das Okinawa-Wunder, Seite 2

Ogimi - Das Dorf der Hundertjährigen

Wenn man sich in Okinawa nach den alten Menschen erkundigt, wird man immer wieder auf einen Ort verwiesen: Ogimi. Das Dorf im Norden von Okinawa, hält den Rekord in Sachen Langlebigkeit. Dass von den 3.500 Einwohnern 1.056 über 65 sind, könnte auch in anderen Weltregionen geschehen und würde im Normalfall nicht unbedingt als positives Zeichen gewertet. Bedauernd würde man vom Wegzug der Jungen reden und davon, dass nur die zurückbleiben, die zu alt sind, um andernorts noch einmal von vorne anzufangen. Nicht so in Ogimi. Hier lebt man gerne. Nur eben länger. Achtzig der Dorfbewohner sind über 90 und zwölf davon über 100.

Jeden Dienstag trifft sich ein Club von alten Damen im Gemeindehaus, um gemeinsam zu tanzen. Es wird viel gelacht und geredet dabei. Und bereitwillig geben sie Auskunft über ihren ganz persönlichen Jungbrunnen. Dabei ist viel von der Ernährung die Rede, von der Freude, im eigenen Garten Gemüse zu ziehen; davon, dass es früher kaum Arzneien gab und es darum überlebenswichtig war, für den Fall eines Falles in der Küche die richtigen Kräuter und Zutaten parat zu haben. Denn geheilt wird mit dem Essen. "Kusiumun" heißen diese heilkräftigen Nahrungsmittel.

Das raten die alten Damen:
Du willst auch glücklich 100 jahre alt werden?

Tradition und Moderne
Warum das Okinawa-Wunder nicht in den Genen liegt

Nun könnte man meinen, Okinawa sei nun einmal ein weit entlegenes Paradies, für uns unerreichbar. Ganz nett, davon zu hören. Aber viel zu exotisch, um daraus für uns irgendeinen praktischen Nutzen zu ziehen. Und außerdem sind die Menschen dort ganz anders gestrickt: Sie haben bestimmt irgendein Methusalem-Gen im Blut.
Aber die Theorie von der genetischen Disposition zur Langlebigkeit lässt sich schnell zerstreuen.

Seit dem zweiten Weltkrieg unterhalten die Vereinigten Staaten mehrere Militärstützpunkte auf Okinawa. Nicht weniger als 26.000 Soldaten sind hier im Südpazifik stationiert. Mit den Amerikanern hielt der westliche Lebensstil Einzug in den Städten. Die traditionelle Ernährungsweise fiel mehr und mehr der Hamburger-mit-Pommes-und-Ketchup-Diät zum Opfer. Das Prinzip der Mäßigung wurde von der Devise "Hauptsache große Portionen" abgelöst. Mit dem Ergebnis, dass die Zwanzig- bis Sechzigjährigen in den Städten Okinawas heute dicker sind als irgendwo sonst in Japan. Und kränker …

Das Problem ist so gravierend, dass die Behörden mittlerweile in Schule Programme durchführen, in denen den Kindern und Jugendlichen die Vorzüge der traditionellen Ernährung wieder nahe gebracht werden sollen. Zurück zu den Wurzeln!
Nicht die Gene, sondern Ernährung und Lebensweise spielen also die zentrale Rolle im Langlebigkeits-Phänomen. Und das ist eine gute Nachricht! Denn das heißt, dass auch wir hier von den Alten auf Okinawa lernen können. Sie sind nicht anders veranlagt als wir. Sie leben nur anders. Gesünder eben …

Die fünf Säulen - Ernährung ? Lebensaufgabe ? Bewegung ? Spiritualität ? Gemeinschaft

1.
Die Ernährung in Okinawa ist ausgesprochen vielseitig und bietet viel frisches Gemüse (das mit viel Liebe selbst gezogen wird), Fisch und Meeresfrüchte, Algen, Süßkartoffeln (traditionell waren sie und nicht Reis das Hauptnahrungsmittel), Tofu und jede Menge Chili, Ingwer und Kurkuma. Die Bittergurke "Goya" und die grünen Zitrusfrüchte, die auf Okinawa wachsen, sind berühmt für ihren rekordverdächtige Vitamin-Gehalt. Salz, Brot und Milchprodukte kennt man auf Okinawa nicht. Und wenn überhaupt Fleisch gegessen wird, dann ist es vom Schwein, wird stundenlang gekocht, sorgfältig vom Fett befreit und in kleinen Portionen angerichtet. Wie überhaupt das Maßhalten als Grundtugend gilt: In der traditionellen Ernährung nach Okinawa-Art begnügt man sich mit zwanzig Prozent weniger Kalorien als im übrigen Japan.

2.
Ohne eine Aufgabe im Leben zu sein? Ohne Sinn, Zweck, Ziel? Das könnten sich die Alten von Okinawa nicht vorstellen. In den Ryukyu-Sprachen des früheren Königreichs, die in traditionell orientierten Familien auch heute noch gesprochen werden, ist das Wort für "Ruhestand" nicht bekannt. Ab einem bestimmten Alter die Hände in den Schoß zu legen, ist undenkbar. Schließlich wartet draußen der Garten, das Gemüse will gehegt und gepflegt sein. Und wer sollte Seegras ernten und Meeresfrüchte sammeln? Und der Fisch springt auch nicht allein auf den Teller! Nein! Nicht zu arbeiten, das wäre furchtbar. Zumal die Arbeit so viel Freude bereitet, wird sie doch meist geteilt. Während wir uns die ganze Woche über auf das Faulenzen am Wochenende freuen und sich mit jedem Jahr das Gefühl verstärkt, dass es uns reicht mit der Schufterei! Dass wir längst genug getan haben in unserem vielfach ungeliebten, mal von Routine oder Stress geprägten Job! Das es Zeit für eine Pause ist. Sabbatjahr. Ruhestand. Egal! Haushalt? Auch das noch! Gartenarbeit? Ist was für Liebhaber... Und dann kommen diese Hochbetagten mit den strahlenden Augen daher und sagen, dass sie GERNE arbeiten?! Und das auch noch auf so überzeugende Weise, dass wir es ihnen glauben. Aber sie arbeiten auch anders. Ihr Motto: "Gelassenheit und Freude" und "Jeder hilft jedem".

3.
Nach einem arbeitsreichen Tag wünschen wir uns oft nur eins: Füße hoch legen und unsere Ruhe haben. Auf Okinawa aber hat "Abhängen" und "Relaxen" keine Tradition. Das wäre den Menschen viel zu langweilig. Sie sind immer in Bewegung. Der Archipel ist die Wiege des Karate und viele der Hochbetagten machen regelmäßig Übungen, um ihre körperliche Beweglichkeit und Geschicklichkeit zu trainieren. Außerdem wird viel getanzt (und gesungen), und auch Spaziergänge werden gern und oft unternommen. Durch die Brille der modernen Sportwissenschaften betrachtet, stellt sich heraus, dass die nach alter Tradition lebenden Menschen auf Okinawa instinktiv alles richtig machen. Alle drei empfohlenen Trainingsarten sind hier vereint: Aerobes Training zur Steigerung der Ausdauer, anaerobes Training zur Erhöhung von Schnelligkeit und Sprintleistung und Beweglichkeitstraining zum Erhalt der körperlichen Flexibilität. Und das ein Leben lang konsequent, freiwillig und mit Spaß an der Freud!

4.
Die Grundeinstellung dieser Menschen ist von einer tiefen Spiritualität geprägt. Sie leben im Einklang mit der Natur und glauben daran, dass "alles immer vom Himmel" bestimmt sei. Für uns, die wir hier im westlichen Kulturkreis leben in dem (fast) alles für machbar gilt und wir immer versuchen, alles unter Kontrolle zu haben, mag das fatalistisch klingen. Und doch: Es ist eine Einstellung, die vor Stress, Hektik und Sorgen bewahrt. Die spirituelle Tradition Okinawas vereint Elemente aus drei verschiedenen Richtungen: Aus dem Taoismus bezieht man die Verehrung der Natur, aus dem Konfuzianismus den Respekt vor den anderen und aus der lokalen Überlieferung den Respekt vor den Alten (die hier wie Könige verehrt werden) und den Glauben, dass Frauen eine Vermittlerrolle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits - dem Gestern und dem Heute - zukommt. Sich auf Neues einzustellen, macht hier keine Angst. Es ist Teil des großen Plans.

5.
Was nicht im großen Plan vorgesehen ist, ist ein Leben in der Einsamkeit. Auf Okinawa steht die Gemeinschaft immer im Mittelpunkt. Nicht nur, dass die Familien groß und weit verzweigt sind und darum praktisch niemand allein lebt. Es gilt der Grundsatz von "Yuimaru", der Gegenseitigkeit. Der vielleicht wichtigste Leitsatz, der den Alltag prägt, lautet "Jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber jeder ist auch für die Gemeinschaft verantwortlich." Nachbarschaftshilfe ist gelebte Realität. Viele Freunde zu haben auch. Und allein das ist ein Jungbrunnen!

Natürlich sind die Lebensumstände auf Okinawa anders. Das Leben der Alten ist so viel beschaulicher, so viel übersichtlicher als hier in unserer westlichen Leistungsgesellschaft. Und doch: Mit ein bisschen Fantasie lässt sich vieles von dem übertragen, was sich auf dem Archipel seit Jahrzehnten als Erfolgsrezept eines langen Lebens bewährt hat. Lernen wir von den Hundertjährigen! Damit auch wir eines Tages von uns sagen können: Wir sind die glücklichsten Alten der Welt.



Weiterführende Lektüre von Ulla Rahn-Huber,
"Die glücklichsten Alten der Welt: Entdecken Sie das Geheimnis von Okinawa für Ihr eigenes Leben", mvg Verlag, München, März 2009


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