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Mittwoch, 10.03.2010
Vegetative Dystonie
Verlegenheitsdiagnose oder verkannte Depression?
Dieser Titel ist nicht korrekt, denn „entweder – oder“ ist falsch...
Die vegetative Dystonie kann in die Depression führen – und eine Depression kann von vegetativer Symptomatik begleitet werden.
Nach dem Pschyrembel versteht man unter dem Begriff vegetatives ( = autonomes) Nervensystem
• die Gesamtheit der Nerven- und Ganglienzellen, die dem Willen nicht untergeordnet sind
• es dient der Regelung der Vitalfunktionen (Herz-Kreislauf, Atmung, Verdauung, Stoffwechsel, Sekretion, Wasserhaushalt u.a.)
• es bildet mit dem System der endokrinen Drüsen und Körperflüssigkeiten eine funktionelle Einheit
• es steht in enger Wechselbeziehung zu seelischen Vorgängen sowie zum zerebrospinalen System (= Gehirn und Rückenmark)
Der Pschyrembel verweist auf Psychovegetatives Syndrom mit etlichen Synonymen:
vegetative Labilität, neurasthenisches Syndrom, Psychasthenie, vasoneurotisches Syndrom, neurozirkulatorische Dystonie. Andere Fachbücher sprechen im gleichen Zusammenhang von funktionellen Störungen, psychogenem Syndrom, Organneurose, larvierten Depressionen oder schlicht von Nervosität. Inhaltlich sagen die Begriffe im wesentlichen das Gleiche aus.
Medizinisch unterscheidet man die Symptome (angeboren, erworben, umweltbedingt). In der Praxis überschneiden sie sich jedoch.
Keiner dieser Begriffe ist frei von Mißverständnissen. „Es gibt kaum eine Medizinergeneration, die nicht miterlebt, wie immer wieder versucht wird, diese Begriffe neu zu definieren, sie erneut zu Syndromen und Leitsymptomen zusammenzufassen oder voneinander abzugrenzen.“
(Zitat aus Zöllner „Vom Symptom zur Diagnose“)
Vegetative Dystonie als Diagnose ist in klassischen medizinischen Standardwerken nur selten klar definiert. In den Leitlinien Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik wird erklärt:
„Unter Vegetativer Dystonie versteht man einen Komplex funktioneller Beschwerden, der mit einer Vielzahl unspezifischer, umschriebener Störsymptome des Gefühlslebens, des Wahrnehmens und der Psychomotorik einhergeht. Störungen des Bio-Rhythmus sind damit verbunden (Schlaf-Wach-Störungen); die Grenzbereiche zur Neurologie und zur inneren Medizin sind offenkundig.“
Als Auslöser für Vegetative Dystonie gelten Reizüberflutung, Streß, Konflikte / Probleme: in der Partnerschaft, der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, hinsichtlich der Gesundheit, nach Geburten, in den Wechseljahren, nach Trennungen oder Todesfällen. Auch Einsamkeit oder Angst (vor Prüfung, Problemen, Auseinandersetzung) können Ursachen sein. Meist stehen Organbeschwerden im Vordergrund: Kopfschmerzen, Muskelverspannungen, unklare, diffuse Beschwerden im Abdominal-, Herz- oder Halsbereich, aber auch Angst, Unruhe und gesteigerte Erregbarkeit. Oder die Betroffenen fühlen sich müde, antriebslos, niedergeschlagen, erschöpft.
Die konsultierten Ärzte oder Heilpraktiker attestieren den Patienten völlige organische Gesundheit. Dadurch fühlen diese sich schuldig, es fehlt ein offenkundiger Grund, ein Auslöser für ihren Zustand. Die Patienten geraten (immer mehr) unter Streß und in Beweisnot. Gedankenlos dahergesagte Sätze wie „Dir geht’s doch gut!“ oder „Sie haben wirklich keinen Grund zum Kranksein!“ bewirken, daß sie sich noch schlechter fühlen. Stellt der Behandler die Diagnose Vegetative Dystonie, wird dies oft wie ein Stigma empfunden: „Hab ich‘s wirklich mit den Nerven?“
Der Begriff Nervosität ist tief im Sprachgebrauch der Patienten verwurzelt, sie können ihn in der Regel auch klar definieren, nämlich in Form einer Liste von Beschwerden und Symptomen: „Nervosität – das ist, wenn ich unruhig, kribbelig, gereizt, unkonzentriert, fahrig oder schreckhaft bin, schlecht schlafe und mein Augenlid ständig zuckt. Es hängt ja auch so viel an mir!“ Dies sind erste Anzeichen von Überforderung, meist der Patienten an sich selbst. In dieser Phase ist eine Erholung möglich; die Patienten packen ihr Leben meist ohne wesentliche Beeinträchtigungen. Oft macht diese „Nervosität“ die Patienten erst lebendig und authentisch! Depressive, traurige, melancholische Anteile finden sich bei solchen Patienten (noch) nicht.
Bei Neurasthenie wird die Symptomatik massiver: HINZU kommen nämlich körperliche Merkmale: Zu Schwäche, Müdigkeit und Erschöpfung mit daraus resultierender verminderter Leistungsfähigkeit bauen sich allmählich z.B. nervöse Magen-, Darm- oder Herzbeschwerden auf. Den Patienten klarzumachen, daß seelische Probleme zu körperlichen Beschwerden führen können, ist manchmal nicht ganz leicht.
Vegetative Dystonie - Fallbeispiele:
Patientin Birgit K., 46 Jahre, halbtags berufstätig, hat 3 Teenager-Töchter, einen phlegmatischen Ehemann, einen Hund, ein großes Haus mit Garten, ging abends gern ins Fitneßstudio: Ein 1,58 m großes und 48 kg leichtes Energiebündel, fröhlich, aufgeschlossen, schlagfertig, lachte gerne, „hat die Hosen an“, was von der ganzen Familie akzeptiert wurde.
1994 kam Frau K. erstmals in meine Praxis wegen gelegentlicher Rückenbeschwerden (Hyperlordose LWS). Ich behandelte sie manuell und neuraltherapeutisch und empfahl ihr dringend eine sog. „Rückenschule“. Dorthin ging sie dann auch brav zweimal wöchentlich; ihre Beschwerden wurden weniger. Aber sie empfand sich als zusehends „hibbelig“, unruhig und ungeduldig, sie explodiert bei Kleinigkeiten. „Manchmal wird mir alles zuviel, ich brauche eine Auszeit,“ meinte sie lakonisch. Ich spritzte ihr Neurotropan, einen sog. Neurotransmitter, der intravenös injiziert wird und – nach kurzfristiger vegetativer Überreaktion – den Patienten tiefe Ruhe, Entspannung und Ausgeglichenheit verschafft. Nach solchen Injektionen stand Frau K. jedesmal wieder fit und frisch von der Liege auf und schaffte ihr Pensum für einige Zeit wieder scheinbar spielend.
Mit der Zeit verstärkte sich jedoch ihr Erschöpfungszustand. Sie fühlte sich bedrückt, nervös, fahrig, ungeduldig, überfordert. Magenschmerzen und Herzrasen kamen hinzu; für beides ließ sich keine organische Ursache finden. Ihr Wesen veränderte sich: Sie hatte ihr Lachen, ihre Leichtigkeit verloren und zeigte deutliche depressive Züge mit Erschöpfungssyndrom. Hewepsychon-Duo-Tropfen und regelmäßige Neurotropan-Injektionen halfen ihr kurzfristig. In eingehenden Gesprächen arbeiteten wir die zugrunde liegende Problematik heraus: Es fiel ihr schwer, ihre Beschwerden als Ausdruck der Überforderung zu akzeptieren.
Da sich auch die Rückenbeschwerden verstärkten, drängte ich auf weiterführende Untersuchungen. Das CT ergab: Gleitwirbel (Spondylolisthesis) mit massiver Bandscheiben-Symptomatik. Die beginnende Reithosen-Anästhesie ließ keine andere Wahl als die Operation. Sie freute sich auf OP (!) und die anschließende Reha („nur mal weg von zu Hause!“), und sie versteht, durchschaut Symbolik der Krankheit. Die inzwischen durchgeführte Operation hat übrigens die Schmerzen nur wenig reduziert. Aber Frau K. hat einige Änderungen in ihrem Leben bewirkt. Z.B. bindet sie die übrigen Familienmitglieder verstärkt in die Organisation des Haushaltes ein. Außerdem akzeptiert sie ihre „Zwangspause“ unter dem Gesichtspunkt, daß es zu Hause auch ohne sie ganz gut funktioniert. Die Familie ist durch die Krankheitserfahrung dichter zusammengerückt.
Wie können wir eine Neurasthenie behandeln?
Symptomatisch z.B. mit Akupunktur, Neuraltherapie, Bach-Blüten, phytotherapeutische Mittel bzw. Komplexhomöopathika, Injektionen, Infusionen. Die meisten Pharma-Unternehmen bieten für diese Indikation ausgezeichnete Mittel an, z.B. Dysto-L90 (Loges), Psychoneurotikum-Injektion RÖWO-578 (Pharmakon), Zincum Val. (Hevert), Infi-Dyston (Infirmarius-Rovit), Nervoregin (Pflüger), Nervojekt (Syxyl) oder das bereits genannte Neurotropan (Phönix). Auch mit Reflexzonenbehandlungen, klass. Homöopathie und anderen therapeutischen Maßnahmen kann den Patienten gut geholfen werden. Das wichtigste jedoch ist, den Patienten reden zu lassen, keine Urteile über ihn zu fällen, aktives Zuhören zu praktizieren, ihn anzunehmen, seine Gefühle anzusprechen, auf sog. Schlüsselsätze zu achten.
Meiner Ansicht nach braucht es – von Fachkenntnissen abgesehen – zwei Dinge, um ein guter Therapeut zu sein: ein großes Maß an Selbsterfahrung – und Liebe zum Menschen. Erst mit dieser Qualifikation können wir wirklich Brücken bauen zum Patienten und ihm einfühlsam, verständnisvoll und mit Empathie entgegenkommen. Doch es ist wichtig, eine innere Distanz zum Patienten zu wahren und Mitgefühl, aber kein Mitleid zu zeigen. Wer mit-leidet, ist bald ausgebrannt. Es sind nicht unsere Probleme (oder sollten es zumindest nicht sein), die es zu lösen gilt. Das kann und soll der Patient – mit unserer Hilfe – eigenverantwortlich tun. Wir sind Wegweiser, nicht der Weg.
Depression bedeutet soviel wie niedergedrückt, heruntergedrückt und wird definiert als affektive Störung mit krankhaft niedergedrückter Stimmung, die mit einer Vielzahl psychosozialer, psychischer und körperlich-vegetativer Symptome einhergehen kann. Schätzungsweise 15 Prozent der Gesamtbevölkerung leiden mindestens einmal im Leben an einer behandlungsbedürftigen Depression.
Die Depressionen zeichnen sich nicht nur durch besondere Schwere und Dauer von Niedergeschlagenheit und Trauer aus, sondern sind auch qualitativ anders als die „normale“ Traurigkeit. Sie verändern den Menschen und können von ihm alleine oft nicht bewältigt werden. Typisch ist das Mißverhältnis zwischen der Traurigkeit und dem Auslöser. (Elvira Bierbach, Naturheilpraxis heute)
Man definiert verschiedene Formen der Depression. Endogen: Hang zum Grübeln, ausgeprägte Handlungs- und Entschlußunfähigkeit; Psychogen: z.B. Schwangerschaftsdepression; Somatogen: als Folgen organischer Erkrankungen (Tumor, Trauma, postinfektiös); Reaktiv: auf äußere Auslöser zurückzuführen; Pharmakogen: medikamentös ausgelöst, u.a.m.
Unter larvierter Depression (=versteckt, verkappt) versteht man ein schweres Krankheitsbild, das außerdem schwieriger zu diagnostizieren ist. Leitsymptom ist das ausgeprägte Defizit im Denken, Wollen und Handeln, das sich hinter den körperlichen Beschwerden verbirgt. Die Patienten äußern Suizidgedanken, oft gut verpackt: „Mir kann ja doch keiner helfen“, „Alles ist so sinnlos“, „Manchmal mag ich überhaupt nicht mehr“. Sie leiden unter nervösen, vegetativen und körperlichen Symptomen, die absolut im Vordergrund stehen und derart dominieren, daß sie das psychische Krankheitsbild verdecken können. Und alles ohne einen organischen Befund! Es ist ein Irrtum zu glauben, die Beschwerden könnten bei genauer Analyse eindeutig als organisch bedingt oder eindeutig als Ausdruck der Depression erkennbar sein.
Fallbeispiel:
Pat. Margarete B., 54, verwitwet, 3 erwachsene Kinder, sie ist einfache Arbeiterin mit einem schlichten Gemüt, freundlich, ängstlich und unsicher wirkend.
Hier ihre Biografie in Stichworten: Älteste von 3 Kindern, freudloses Elternhaus, streng katholisch erzogen, Vater Trinker, die Mutter schwach und hilflos. Frau B. heiratet mit 19 sehr naiv, fühlt sich in der Ehe unglücklich, Ehemann ist verschlossen und gefühlskalt, Trinker. Kindererziehung gibt ihrem Leben Sinn. 1980, als die Kinder zwischen 7 und 13 Jahre alt sind, verschwindet der Ehemann spurlos, wird nach 3 Monaten skelettiert von einem Jäger im Wald gefunden, erhängt. Seitdem fühlt sie sich von den Dorfbewohnern „wie aussätzig“ behandelt, als sei sie schuld am Freitod des Mannes. Sie zieht sich immer mehr zurück.
Es beginnen körperliche Beschwerden: Leistungsgeminderung, Erschöpfung, Weinkrämpfe, Erstarrung, Schlaflosigkeit, Herzrasen, Blutdruck-Schwankungen, Schwindel, Tinnitus, Asthma, Gallenkoliken, Blasenentzündungen, Reizdarm mit Diarrhoen, Streßinkontinenz, Kopfschmerzen, Neuralgien, Spondylose, Coxarthrose, Polyarthrose, Muskelhartspann, 21 verschiedene Diagnosen bescheinigt ihr der Hausarzt im Attest zur Vorlage beim medizinischen Dienst. Auszug aus einem psychologischen Gutachten: „Aus psychodynamischer Sicht handelt es bei Frau B. um einen ausgeprägten Zustand von psychophysischer Erschöpfung bzw. Depression primar neurotischer und zusätzlich sekundär reaktiver Genese mit dem Gefühl von Sinnlosigkeit mit latenter Suizidalität.“ Erklären Sie diesen Satz mal einem Patienten!
Das Herzrasen, die Blutdruck-Schwankungen, die Schlafstörungen und die Unruhezustände werden von Frau B. als sehr belastend empfunden. Nachdem sie jahrelang therapiert wurde und in etlichen Kliniken für psychosomatische Erkrankungen war, will sie keine Therapie mehr. Sie versteht deren Sinn nicht und sieht keinen Zusammenhang mehr zwischen ihren Beschwerden und dem Suizid ihres Ehemannes, auch wenn der zeitliche Bezug offenkundig ist. Sie sieht sich als Opfer („alle sind gegen mich“), will in Rente. Bei der Vorstellung, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren, kommt Panik hoch („Meine Arbeitskollegen mobben mich!“) Ihre Gedanken kreisen nur noch um Schmerzen, Beschwerden und ums Krankschreiben (sie ist seit etwa 2 Jahren mit wechselnden Diagnosen krankgeschrieben). Die Ärzte reagieren zunehmend gereizt.
Frau B. beobachtet sich sehr ängstlich; selbst ganz normale vegetative Funktionen wie z.B. Atemlosigkeit nach dem Treppensteigen geben immer wieder Anlaß zur Beunruhigung. Frau B. jedoch in die Schublade „Hypochonder“ zu stecken, wäre falsch. Aus unerklärlichen Gründen tritt bei ihr z.B. immer wieder Herzrasen auf. Aus heiterem Himmel geht der Puls auf Tempo 120 und bleibt – unbehandelt – für Stunden in dieser Tachykardie, um sich dann ebenso plötzlich wieder zu normalisieren. Oder der Blutdruck – normalerweise bei ihr eher niedrig – steigt aus ungeklärter Ursache auf Werte von 190/110. Auf solche Befunde reagiert sie mit Entsetzen. „Ich habe Angst, vor allem und jedem, morgens fürchte ich mich, was der Tag wohl bringen mag. Tagsüber habe ich Angst, sobald meine Schmerzen wiederkommen, daß ich doch was Schlimmes habe, abends fürchte ich mich vor der Nacht und ob ich auch werde schlafen können – manchmal kriege ich regelrechte Panik!“ – Die Patientin entwickelte eine Angstneurose.
Sie hat inzwischen wieder einen verständnisvollen Lebensgefährten, der liebevoll mit ihr umgeht und ihr eine gewisse Sicherheit bietet. Aber sie kommt nicht zur Ruhe. Der Arzt verabreicht ihr regelmäßig Psychopharmaka (Tavor, Adumbran, Imap-Spritzen), „die halten mich am Leben“, sagt sie.
Anfangs spritze ich ihr Neurotropan, aber das lehnte sie ab, da sie während der Injektion für kurze Zeit die Kontrolle über sich abgeben mußte. Loslassen ist nicht ihre Stärke... Sie nimmt gelegentlich Kava-Kava und schwört im Akutfall auf Hyperforat-Tropfen. Die gab ich ihr als „Notfallmittel“, als sie erstmals in der Praxis Herzrasen bekam und dieses Medikament die Tachykardie sofort normalisierte. Seitdem schwört sie auf Hyperforat.
AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) definiert:
• Psychosomatische Störungen: körperliche Beschwerden mit organischer Genese plus psychosoziale Auffälligkeiten
• Somatoforme Störungen: körperliche Beschwerden ohne organische Genese
Laut AWMF haben mindestens 20 % aller Patienten in den Arztpraxen und 10 – 40 % in den Kliniken somatoforme Störungen.
Psychosomatische Krankheiten = Folge chronisch-vegetativer Spannungen als direkte körperliche Reaktionen auf konflikthaftes Erleben, verbunden mit organpathologischem Befund. In der Schulmedizin kennt man den historischen Begriff der „Holy seven“, die klassischen Krankheitsbilder der Psychosomatik: Asthma bronchiale – Colitis ulcerosa – Essentielle Hypteronie – Hyperthyreose – Neurodermitis – rheumath. Arthritis – Ulcus duodeni. „Psychosomatisch meint aber auch die Grundeinstellung des Therapeuten, seelische Faktoren bei der Einschätzung und Behandlung zu berücksichtigen. Die Körpersprache gibt Antwort auf den dahinterliegenden Konflikt.“ (Zöllner, Vom Symptom zur Diagnose).
Nach der Definition der AWMF werden somatoformen Störungen so definiert:
Der Patient
• präsentiert immer wieder körperliche Funktionsstörungen, meist Schmerzen, Müdigkeit, Erschöpfung, auch wenn die Untersuchungen stets negative Ergebnisse erbringen, und auch dann, wenn die Ärzte versichern, daß die Symptome nicht bzw. nicht ausreichend begründbar sind
• verlangt ständig nach weiteren medizinischen Untersuchungen
• glaubt den Ärzten nicht und ist gewöhnlich von einer körperliche Ursache seiner Beschwerden überzeugt
• ist unfähig, die Möglichkeit eines psychischen Hintergrundes zu erkennen
• widersetzt sich jeglichen Versuchen, mit ihm eine solche Möglichkeit zu erörtern, selbst dann, wenn ein Bezug zu Konflikten oder belastenden Lebenssituationen offensichtlich ist.
Und doch – oder gerade deshalb: Auf seine Weise leidet der Patient und ist genauso krank wie ein organisch Kranker!
Organische Ursachen müssen sicher ausgeschlossen werden. Eine gründliche Anamnese muß psychische Beeinträchtigungen, aktuelle psychosoziale Belastungen und auslösende Situationen, störungserhaltende Faktoren und die Biografie des Patienten berücksichtigen. In der Regel ist der Patient davon überzeugt, daß es für seine Erkrankung eine Ursache gibt – fragen Sie ihn danach, seine Antwort wird Hinweise auf den zu erwartenden Krankheitsgewinn sein (Krankschreibung, Kur, Rente).
Fallbeispiel
Pat. Klaus B., 44 Jahre, 1,82 m, 65 kg, verheiratet, kinderlos, Kunststoffschlosser. Seit 11 Jahren in Behandlung mit wechselnden Beschwerden:
Schmerzen im Abdomen mit Übelkeit, selten Erbrechen, häufige Diarrhoe (meist nach Milchprodukten, Hefegebäck, üppigem Essen). Gastro-, Duodeno-, Coloskopien, Röntgen, CT, Laboruntersuchungen erbrachten keinen hinweisgebenden Befund. Es wurde allerdings eine Laktose-Intoleranz diagnostiziert und entsprechende Ratschläge zur Ernährung gegeben. Er mißachtet diese Empfehlung immer wieder, „schlägt über die Stränge“ und kommt dann mit massiven abdominellen Beschwerden in meine Sprechstunde. Es erhebt sich die Frage: Was verdaut er nicht?
Die Liste seiner Beschwerden, die er mir vorträgt und behandeln läßt, ist umfangreich: gelegentliche Kieferneuralgien nach Kieferbehandlung/Zahnsanierung, ständige grippale Infekte mit Sinusitis, Angina, Husten und Schnupfen, Schmerzen HWS, Schulter-Arm-Syndrom, Nacken-Schulter-Rücken-Myalgien, Achillodynie, Intercostalneuralgie, Lumbalgie, Ischialgie, Varikosis, Schlafstörungen, Bindehautentzündungen, Kopfschmerzen, grenzwertiger Hypertonus, gelegentl. pectanginöse Beschwerden, immer wieder Verdauungsprobleme, häufige (sport- bzw. arbeitsplatzbedingte) Verletzungen. Laboruntersuchungen waren stets unauffällig, keine Dysbiose/Candidose. Es gibt keine Facharztrichtung, die er nicht schon aufsuchte, und keine Behandlungsform, die ich ihm in meiner Praxis nicht schon angedeihen ließ.
Soeben wurde er zuerst von mir, dann von seinen Hausarzt, anschließend von einem Internisten und zuletzt von einem Lungenfacharzt untersucht, da er ab und zu Stiche beim Atmen verspürt. Keiner konnte einen Lungenbefund erheben – ich auch nicht. Nun, da er weiß, daß er „nichts an der Lunge hat“, ist er zufrieden – ich bin neugierig, mit welchen Symptomen Herr B. das nächste Mal kommt.
Er hat übrigens für jede seiner Beschwerden einen „Schuldigen“: An den Schlafstörungen sind die lauten Nachbarn oder die falsche Matratze schuld, an den Schmerzen im Bewegungsapparat ist es die Arbeit, an der Bindehautentzündung und den ständigen Erkältungen ist es die Lüftung im Betrieb, an den Kopfschmerzen das Wetter, und für die Verdauungsprobleme muß das Kantinenessen herhalten.
Depressive Züge trägt der Patient nicht. Er ist freundlich, wirkt meist fröhlich, ein bißchen linkisch, wie ein liebenswerter großer Junge. Ich habe den Eindruck, daß die Behandlungen sein „Hobby“ sind. Bei mir bekommt er die Zuwendung und Aufmerksamkeit, die ihm augenscheinlich zu Hause fehlt. Ich nehme ihn wichtig und ernst – ganz im Gegensatz zu seiner Ehefrau. Sie ist dominant, beherrschend und gibt daheim den Ton an. Mehr noch: Sie achtet und respektiert ihren Mann nicht. Ich habe erlebt, wie sie ihn vor Fremden lächerlich machte und ihn als „unterbelichtet“ bezeichnete, sich selbst aber für „etwas Besseres“ hält. Herr B. ist ihr nicht gewachsen; er versucht die Demütigungen herunterzuspielen und über das Verhalten und die Sprüche seiner Frau zu lachen – manchmal recht gequält. Auch am Arbeitsplatz muß er manchen deftigen Spaß über sich ergehen lassen.
Mit diesem Darüber-lachen-können hat er eine Überlebensstrategie entwickelt, um seine Selbstachtung nicht völlig zu verlieren. Ich habe es längst aufgegeben, ihn in Gesprächen, Entspannungsübungen und Fantasiereisen dorthin zu bringen, sich seinen Problemen zu stellen. Wenn er das täte, müßte er Entscheidungen treffen, vor denen er sich fürchtet. Also lenkt er ab, schwafelt und „guckt weg“, und das muß ich akzeptieren.
Bei solchen Patienten ist es schwierig oder unmöglich, aufgrund der Schilderungen zwischen depressiven und organisch begründbaren Symptomen zu unterscheiden. Viele Behandler werden konsultiert, um von wenigstens einem das Etikett „körperliche Erkrankung" zu erhalten. Die Diagnose „Vegetative Dystonie“ oder „psychogen bedingt“ oder „psychosomatisch“ impliziert für viele Patienten, daß sie eigentlich keine echten, ernstzunehmenden Beschwerden haben. Je nach Temperament ist die Reaktion auf solche Diagnosen ängstlich, gereizt, vorwurfsvoll oder mißtrauisch: „Ich hab’s doch nicht im Kopf!“ oder „Dann kann ich ja gleich in die Klapsmühle gehen!“ Ich biete meine Hilfe an, indem ich mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis die Patienten reden lasse, sie annehme, ernst nehme, ihr Selbstbewußtsein stärke und die Symptome behandele. So mache ich das auch mit Herrn B., mit dem Erfolg, daß er ausgesprochen gerne und oft in meine Praxis kommt.
Es gibt sehr viele sehr gute Fertigarzneien, sowohl aus der Phytotherapie als auch Komplexhomöopathika. Z.B. Hewepsychon-DuoTr. (Hypericum + Kava), Pascosedon (Hypericum/Baldrian/Melisse) , Dysto-Loges Amp./Tbl. (spezielle Indikation: vegetative Störungen), u.v.a.
Das Präparat Neurotropan (Phönix), („nimmt die Angst, nicht den Antrieb!“) ist eines meiner favorisierten Mittel bei vegetativen Störungen. Der Wirkstoff Cholincitrat ist ein sog. Neurotransmitter = Überträgersubstanz an den Synapsen des vegetativen Nervensystems. Das Mittel hilft, mögliche organische Erkrankungen von vegetativ bedingten Organstörung abzugrenzen. Vegetative Störungen verschwinden nach der Injektion, die Patienten fühlen sich ruhig, ausgeglichen und beschwerdefrei. Bei organisch bedingten Beschwerden wird zwar die Ruhe und Entspannung als wohltuend empfunden. Die Beschwerden oder Schmerzen werden aber kaum beeinflußt.
Neurotropan hat eine große Indikationsbreite. An dieser Stelle möchte ich lediglich auf die antidepressive, beruhigende und ausgleichende Wirkung hinweisen. Es entspannt, ohne müde zu machen, lockert Verkrampfungen, gibt Spannkraft, Energie, Gelassenheit, klärt Kopf und Gedanken. Das Mittel muß sehr langsam i.v. gespritzt werden; vegetative Begleitsymptome sind harmlos und klingen schnell wieder ab. In dieser kurzen Zeit muß der Patient die Kontrolle über sich abgeben, muß loslassen, sich fallenlassen – und das fällt manchem sehr schwer.
„Werden Sie von meinem Chef gesponsert?“ fragte mich kürzlich ein Patient scherzhaft. Er fühle sich, seit er zweimal wöchentlich Neurotropan bekommt, viel fitter, vitaler, leistungsfähiger, und das sei sogar seinem Vorgesetzten aufgefallen.
„Wie heißt das, was Sie meinem Mann spritzen?“ fragte die Ehefrau eines anderen Neurotropan-Patienten sehr erfreut, „ist das ein Potenzmittel?“ Und der Patient stand daneben und schmunzelte sehr zufrieden.
Ehe Sie sich mit Neurotropan befassen, informieren Sie sich über Indikationen und Gegenanzeigen.
Fallbeispiel
Pat. Jutta R, 32, Erzieherin, verheiratet, 4jährige Tochter
Ich kenne die Patientin und ihre Eltern seit 10 Jahren, der Vater ist ein Choleriker mit z.T. extremen Ansichten („alle“ Mediziner – Jugendlichen – Politiker...). Er schmeißt in Wut auch mal mit Gegenständen nach seiner Frau („Die bringt mich zum Wahnsinn!“). Selbst ein Apoplex aufgrund unbehandelter jahrelanger Hypertonie konnte ihn nicht bremsen. – Die Mutter gefällt sich in der Opferrolle der sorgenden Ehefrau, provoziert und intrigiert gern gegen ihren Ehemann (immer hintenrum) und trägt eine spöttische Überlegenheit zur Schau.
Die Patientin, Frau R., ist eine hübsche, zierliche Frau mit dem Dickkopf des Vaters. Ihren Ehemann beschreibt sie als liebevollen Menschen, der allerdings beruflich viel unterwegs ist.
Während Frau R. als Kindergärtnerin arbeitet, hüten ihre Eltern die kleine Tochter. Während die Vierjährige offenbar keine Probleme mit dem Kleinkrieg hat, der im Haus der Großeltern an der Tagesordnung ist, fühlt sich Frau R. immer wieder zwischen den Fronten. Die ständigen Reibereien zerren an ihren Nerven; es gelingt ihr nicht, sich davon zu distanzieren. Sie wirkt blaß und durchsichtig bei normalem Blutbild, klagt über Magenbeschwerden mit Übelkeit/Erbrechen, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden, alles ohne organischen Befund. Sie fühlt sich zunehmend erschöpft, aufgerieben und ausgebrannt, schläft schlecht und ist ständig müde, außerdem reizbar und unausgeglichen. Selbst im Urlaub erholt sie sich nicht mehr. - Auch hier liegt eine Neurasthenie vor.
Neurasthenie (Definition AWMF) ist identisch mit CFS (chronisches Müdigkeitssyndrom):
Anhaltende und quälende Klagen des Patienten über körperliche Schwäche/Erschöpfung oder über gesteigerte Ermüdbarkeit nach geringer geistiger oder körperlicher Anstrengung
und mindestens eins dieser Symptome:
• akute oder chronische Muskelschmerzen
• Benommenheit
• Spannungscephalgien
• Schlafstörungen
• Unfähigkeit zur Entspannung
• Reizbarkeit
• Unfähigkeit, sich innerhalb eines normalen Ruhe- und Entspannungszeitraums zu erholen
• Mindestens dreimonatige Dauer dieser Symptomatik
Frau R. behandele ich mit Gesprächstherapie, Fantasiereisen und Infusionen mit Neurotropan. Außerdem erlernt sie derzeit Autogenes Training.
Daß depressive Patienten keineswegs ständig mit dem Ausdruck von Hoffnungslosigkeit herumlaufen, zeigt der folgende Fall:
Patientin Petra Sch., 43, verheiratet, 16jährige Tochter, Ehemann Polizist.
Ich lernte sie kennen als freundliche Strahlefrau, dünn, zerbrechlich wirkend mit knabenhafter Figur; lebhaft, angespannt, fahrig-hektisch, „es geht mir eigentlich gut“, sagte sie trotzig. Aus ihren Zügen sprach Unglücklichkeit.
Vater früh gestorben, Mutter dominant (Frau Sch. hat heute noch Angst vor ihr), zwei ältere Geschwister. Die Heirat war Flucht aus dem Elternhaus. Ihre Ehe blieb lange kinderlos, was ihr Mann ihr vorwarf (!). Dann gebar sie „nur“ eine Tochter.
Sie war wegen Hautproblemen in die Praxis gekommen: Sie beobachte rote Flecken insbesondere an den Armen, die allein durch Anfassen entstünden. Außerdem habe sie Unterleibsbeschwerden: verlängerte Blutungen und häufige ziehende Schmerzen. Am schlimmsten seien die schlimmen Kopfschmerzen, die gegen Abend einsetzten und die ganze Nacht anhielten. Nachts sei sie hellwach und angespannt, morgens todmüde und wie erschlagen; sie fühle sich erschöpft. Im Sommer gehe es ihr besser! Der Arzt habe alle möglichen Untersuchungen ohne Befund durchgeführt, bis auf eine leichte Anämie sie sei körperlich gesund. Sie bekam Eisentabletten, Hormone, Kopfschmerzmittel, schließlich Cortison (ich frage mich, wofür?). Zuletzt habe man ihr Imap gespritzt, was ihr eine fried-höfliche Ruhe verschaffte: „Ich stand nur noch neben mir!“ sagte sie.
Nach einer Neurotropan-Injektion begann sie unter Tränen zu erzählen: von ihrer Angst vor dem Ehemann und dem Gefühl der Ausweglosigkeit. „Ich pack das alles nicht mehr! Ich fühle mich elend, habe an nichts mehr Freude, weine grundlos – mein Mann sagt, ich sei hysterisch!“ Nie zuvor habe sie darüber geredet, weil sie sich so schäme: Ihr Mann neige gelegentlich zur Gewalt, die „ehelichen Pflichten“ seien unerfreulich und erzwungen.
Kurze Zeit darauf trat sie einen Kuraufenthalt an; dort erlernte sie Entspannungsübungen und Meditation. Sie erzählte mir später: „Zum ersten Mal im Leben fühlte ich mich lebendig!“ Wieder zu Hause, verlief ihr Leben erneut wie gehabt. Sie verlor den Appetit, magerte auf 46 kg ab (bei 1,65 m Körpergröße), und begann zu trinken. Eines Tages sagte ihre Tochter: „Mama, wenn Du trinkst, hab ich nicht nur Angst vor dem Papa, sondern auch vor Dir!“ Plötzlich wußte sie, was sie zu tun hatte. Statt darauf zu warten, daß ihr Mann oder die äußeren Umstände sich änderten, faßte sie den Entschluß: ICH WILL ETWAS ÄNDERN !
2-3 x wöchentlich spritze ich ihr Neurotropan, mache mit ihr Fantasiereisen und führe Beratungsgespräche. Sie fühlt sich körperlich wohl, hat wieder Normgewicht, ist wesentlich ruhiger geworden und zuversichtlich, gemeinsam mit ihrer Tochter ein angstfreies Leben zu führen. Etliche Gesprächsversuche mit dem Ehemann schlugen fehl, sie hat die Scheidung eingereicht. Alkohol rührt sie nicht mehr an, er verursacht ihr sogar Übelkeit.
Patientin Karin T., 60, verheiratet., erwachsene Kinder, eine attraktive, intelligent, selbstbewußte Frau, offen und freundlich, beruflich erfolgreich, seit einem halben Jahr im Ruhestand.
Seitdem hat sie Schmerzen im Gehen und Sitzen, ins Bein ausstrahlend, außerdem „Kreuzschmerzen“, Schmerzen im Schultergelenk und Migräne. CT, Röntgen, Kernspin, Labor – nichts erbrachte einen brauchbaren Befund. Der Arzt verordnete Krankengymnastik und Elektrobehandlungen; schließlich gab er ihr Diclofenac und entließ sie mit dem Satz „Damit müssen Sie leben“. Während einer vierwöchigen Kur war sie völlig schmerzfrei. Doch zu Hause stellten sich die Schmerzen wieder ein, verbunden mit Gefühlen von Hoffnungslosigkeit, permanenten Stimmungstiefs, Weinerlichkeit und Schlafstörungen.
Im Anamnesegespräch berichtete Frau T., sie sei im April 1999 wegen unklarer Bauchbeschwerden operiert worden, man habe dann eine seltene Stenose im Bereich Iliocoecalklappe festgestellt. Der Chirurg sei überrascht gewesen von diesem nicht alltäglichen Befund. Die Patientin berichtete sichtlich stolz von diesem Ereignis und dem Etikett „seltener Befund“. Das brachte mich auf die Frage nach dem Krankheitsgewinn, und Frau T. lieferte die Erklärung: „Ich kann meinen Eltern kaum noch helfen! Ich kann mich nur noch unter Schmerzen bewegen und darf mich nicht anstrengen! Meine Eltern meinen immer, ich hätte alle Zeit der Welt für sie!“ Es stellte sich heraus, daß sie sich von ihren hochbetagten Eltern vereinnahmt fühlte; sie braucht ihre Beschwerden als Alibi für ihren Rückzug. Sie beteuert gegenüber Vater und Mutter, sie fühle sich überfordert, überbeansprucht, entnervt, erledigt. Die Eltern werfen ihr Egoismus und mangelnde Aufmerksamkeit vor. Solange die Behandlungen andauern, hat sie eine „Rechtfertigung zum Kranksein“. Solchen Patienten auf der körperlichen Ebene helfen zu wollen, ist kaum möglich. Hier heißt die Lernaufgabe „erwachsen werden“ und „sich durchsetzen“. Frau T. hat aber genau davor Angst. Patienten müssen auch zulassen, daß man ihnen hilft.
Es gibt eine ganze Reihe sehr guter Medikamente zur Behandlung der vegetativen Dystonie, der Neurasthenie und depressiver Verstimmungszustände. Die drei wichtigsten Wirkstoffe möchte ich hier hervorheben:
Gegen Schlaflosigkeit: Valeriana (Baldrian) hoch genug dosieren = 1000 mg/Tag,
gegen Antriebslosigkeit: Hypericum (Johanniskraut) 300 mg/Tag,
gegen Angst- und Unruhezustände: Kava-Kava, 300 mg/Tag.
Uns stehen viele gute Psychopharmaka/Hypnotika/Sedativa in Form von Tropfen, Tabletten und Ampullen zur Verfügung. Die Rote Liste nennt über 200 verschiedene Mittel als Misch- bzw. als Monopräparate. Ein kleiner Auszug der von mir eingesetzten oralen Mittel:
zum Beispiel
Avena sativa Tr. (Nestmann): Unruhe- und Angstzustände, Schlafstörungen, depress. Verstimmungen
Hevert Nerven-Beruhigungs-Tee (besteht aus 10 beruhigend wirkenden Heilpflanzen)
Melval-Rupha (Kattwiga), 14%, u.a. Ignatia, bei nerv. Erregung und depress. Verstimmungen
Nervoregin H Tbl. (Pflüger): Veg. Dystonie, Neurasthenie, Schlafstörungen, depress. Verstimmungen
Neurapas balance: Joh/Baldr/Passionsbl.: Depressionen, Melancholie, Neurasthenie, Neuropathie, Organneurosen
Pascosedon: ähnl. Zusammensetzung, stärker in der Wirkung, Tr. und Tbl.
Requiesan (Klein) = Eschscholtzia/Avena sat: Veg. Erregung, Schlafstörungen
Sedariston (Steiner) = Joh/Baldr/Meliss: Veg. Dystonie (Unruhe, Schlafstörungen, Magendruck, Schwindelgefühl, Herzklopfen/Herzbeklemmung), u.v.a.
Auch Infusionen haben sich bewährt: Bei Störungen des vegetativen Nervensystems, Depressionen, Nervosität, Spannungs-, Angst-, Unruhe- und Erregungszustände, Ein- und Durchschlafstörungen gebe ich zweimal wöchentlich
250 ml NaCl, füge 2 Amp. Dysto-Loges, 2 Amp. Psychoneurotikum-Injektion (RÖWO-578) (Pharmakon), 1 Amp. Zincum val. (Hevert), 1 Amp. Infi-Dyston (Infirmarius-Rovit), 1 Amp. Nervoregin (Pflüger), 2 Amp. Nervojekt (Syxyl) und 2 Amp. Neurotropan (Phoenix) dazu und infundiere über 30 Min. Die Patienten entspannen wunderbar, fühlen sich ausgeglichen und mit sich im Reinen.
Ich kombiniere Injektionen und Infusionen häufig mit Akupunkturbehandlungen. An den Ohren nadele ich Veg.-Punkt 51, Tor der Götter 55, Neurastheniepunkt 7a sowie Organbezugspunkte. Daneben behandele ich die körperlichen Beschwerden symptomatisch mit Nadelungen in entsprechende Körperakupunkturpunkte.
Auch Bach-Blüten und Einzelmittel der klass. Homöopathie können überaus heilsam sein, helfen jedoch meist nur jenen Menschen, die zuvor nicht jahrelang mit chemisch definierten „Hammerpräparaten“ vollgepumpt wurden.
Ein Wort noch zu den Neurosen bzw. den neurotische Störungen. Hier handelt es sich um einen viel tiefer gehender „Knacks“, nämlich um seelische Störungen ohne nachweisbare organische Grundlage mit Symptomen wie ausgeprägte Angst, Depression, Phobien, Zwangssymptome und Konversionssymptome (Verlust der Stimme, des Seh- oder Hörvermögens, Gangstörungen, Lähmungen; Symptome meist reversibel), die das Verhalten des Betroffenen oft stark beeinträchtigt. Seine Persönlichkeit bleibt erhalten, die Realitätswahrnehmung ist ungestört, aber er empfindet sich selbst als fremdartig.
• Der Neurotiker leidet unter seinem Verhalten
Die Behandlung von Neurosen ist die Domäne der Psychotherapie und „nicht unsere Baustelle“, wie ich zu sagen pflege, ebensowenig die Behandlung von Psychosen. Im Prodromalstadium bzw. als Begleiterscheinungen sind vegetative und neurasthenische Symptome möglich. Eine Psychose wird definiert als „Vernunftstörungen“, geht einher mit Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen, Störungen des Gedankenablaufs und des Gefühlslebens. Der Psychotiker ist keine Drückeberger, er will sich nicht herausreden, er ist nicht verantwortungslos. Er kann nicht anders! Es gibt verschiedene Formen der Psychose, z.B. Schizophrenie, manisch-depressive Erkrankungen u.a.
• Der Psychotiker leidet nicht unter seinem Verhalten, sondern sein Umfeld
Die Grenzen zwischen all diesen Erkrankungen sind fließend.
Sachbücher über Vegetative Dystonie